Mittwoch, 22. Juli 2015

Die Geister, die man liest



Geschichten nehmen in jeder Hinsicht gerne mal seltsame Wege. Meine Vorliebe für Geister und Vampire, die mich als Kind gepackt und sich bis heute gehalten hat, hat sehr viel mit einem ganz bestimmten Buch zu tun. Es ist bis heute eins meiner Lieblingsbücher. Im Grunde ist es mir zu einem absolut falschen Zeitpunkt in die Hände gefallen, denn streng genommen war ich viel zu jung für den Inhalt. Man könnte sagen, dieses Buch aufzuschlagen war ein wenig, wie einen Flaschengeist zu befreien …


Das Drumherum, wie ich dieses Buch eigentlich gefunden habe (oder das Buch mich?) und genau der Moment, wie ich es eben nicht aus dem Regal, sondern woanders herausgezogen habe, steht mir noch klar vor Augen. Ich war ungefähr zehn, zu Besuch bei meiner Oma und hatte nichts zu lesen. Oder auch nichts mehr. In dem Haus gab es ein paar „zurückgelassene“ Bücher von meiner Mutter und ihren Geschwistern und wenn ich nichts Neues und Eigenes mehr hatte, habe ich die gelesen. Teilweise mehrmals. Und eben weil es dort immer ein paar Kinderbücher für mich gab, hat sich in aller Regel niemand so richtig Gedanken darum gemacht, was ich da gerade in der Hand hatte. So auch bei diesem Buch nicht, von dem man zu seiner Verteidigung sagen muss, dass es ein recht harmloses Cover hatte. So viel zum Drumherum. 


Das Wo war das Erste, was an diesem Buch aufregend war. Abseits von der altersgerechten Lektüre hat es nämlich gar nicht im Bücherregal gewohnt. Tatsächlich habe ich es in einer dunklen Ecke zwischen jeder Menge anderem Kram gefunden. Ich weiß bis heute nicht, ob es da absichtlich versteckt worden oder zufällig gelandet ist. Tatsache war – es sah eigentlich aus, als könnte es ein weiteres Kinderbuch sein, nur dieses Mal mit Gespenst auf dem Cover. Ich fand es sofort hochinteressant. Erstens, weil es eben wahnsinnig spannend war für das zehnjährige Kind, dass ich damals war, ein Buch zu finden, das versteckt vor sich hin geschlummert hatte. Zweitens war es ein Buch, das ich noch nicht gelesen hatte und damit auch nicht zum dritten oder vierten Mal lesen musste. Und dann war da drittens dieses Gespenst. Eine leichte Vorliebe für Gruselgeschichten war damals schließlich schon vorhanden. Das vierte Argument war das Inhaltsverzeichnis. Ich hatte noch nichts von Edgar Allan Poe gelesen, aber ich hatte zumindest den Namen schon gehört.  Und war fest entschlossen, dieses Buch zu lesen. Genau genommen war es eine Anthologie mit klassischen Schauergeschichten, was mir aber in dem Moment noch nicht klar war. Ich konnte mit ungefähr zwei Namen im Inhaltsverzeichnis etwas anfangen, der Rest war mir völlig fremd. Kurz gesagt – ich war fasziniert. 


Die Faszination blieb, aber beim Lesen gesellte sich noch etwas anderes dazu: Diese Geschichten waren das Gruseligste, was ich bis zu diesem Zeitpunkt gelesen hatte. Ich hatte danach keine Angst vor schwarzen Katzen, aber alleine der Gedanke an Poes schwarzen Kater reichte, um mir angst und bange werden zu lassen. 
Ich war als Kind nicht nur neugierig, sondern auch stur – zu stur, um das Buch wegzulegen und vor allem viel zu stur, um irgendjemandem zu erzählen, was für eine Angst mir meine nicht altersgerechte Lektüre gemacht hatte. Hätte ich jemandem die Chance gegeben, mir dieses Gespensterbuch wegzunehmen, hätte es garantiert auch jemand getan. Also wurde ich lieber allein mit meinen so gar nicht kindgerechten Gedankengängen über Seegespenster, die ganze Familien auslöschten, Friedhöfe, lebende Leichen und kopflose Schönheiten fertig. 


Man könnte jetzt sagen, ich hätte für meine Neugier leiden müssen. In einem gewissen Maß stimmt das. Aber vor allem war ich eins, nämlich schwer beeindruckt. Poe war der erste Autor, der mir wirklich richtig Angst eingejagt hat – und er steht heute noch im Regal. Auch wenn diese Geschichten über Geister und Gespenster tatsächlich verdammt gruselig waren, sie hatten die Fähigkeit, mich komplett mitzureißen. Sie hatten einfach wesentlich mehr Macht, als alles andere, was ich bis dahin in die Finger bekommen hatte. Und ich mochte auch völlig normale Kinderbücher, "Hanni und Nanni" hatte ich vollständig und mehrmals gelesen.


So im Nachhinein könnte man sagen, dass es absolut nicht das richtige Buch für Kinder war (was auch immer das Cover dazu sagen mag) und dass es in einem gewissen Sinn ein Fehler war, es zu lesen. Andererseits bin ich heute noch froh darüber, dass ich es gelesen habe. Für mich war es eins der Bücher, die sich ins Gedächtnis einbrennen und einem zeigen, welche Macht Worte haben. Natürlich gab es auch spannende Geschichten ohne Grusel und ohne Geister – aber Angst ist eben eine sehr starke Emotion und an etwas, was einem noch Jahre später Schauer über den Rücken jagt, erinnert man sich ziemlich deutlich. Das soll nicht heißen, dass man sich massiv erschrecken muss, um zu merken, welche Kraft Geschichten entfalten können. Es ist nur eine Geschichte über besondere Bücher, besondere Texte, die praktisch Lese-Schlüsselerlebnisse sind. Statt mich ein für alle Male von diesem gruseligen Gespensterzeug abzuschrecken, was durchaus logisch gewesen wäre, hat dieses Buch voller Geister eine anhaltende Begeisterung für genau diese Geschichten geweckt. Ohne genau dieses Buch hätte ich (vielleicht) mehr alterstypische Lesevorlieben entwickelt, hätte meine Abschlussarbeit (vielleicht) nicht über Gothic Novels und Schauerromane geschrieben und würde heute (vielleicht) auch keine Vampirgeschichten sammeln.


Vor ungefähr zwei Jahren habe ich mein Gespensterbuch so lange gesucht, bis ich es gebraucht gefunden habe und es wieder ins Regal stellen konnte. Zu den anderen schauerlichen Lieblingsbüchern.

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