Freitag, 29. April 2016

Früher war das auch schon Phantastik


Das wird jetzt kein Text mit einer Unmenge von Jahreszahlen, die kann ich mir selbst nicht merken und muss sie immer wieder nachschauen. Genau genommen geht es so gut wie gar nicht um irgendwelche Zahlen, sondern um eine Liste. Eine Bücher-Liste, klar, aber eine mit ziemlich alten Büchern. Vielleicht könnte man es eine „anachronistische Phantastik-Liste“ nennen, weil ich mit der Liste etwas vorhabe, was man eigentlich nicht macht. Angeblich. Ist mit jetzt aber mal gerade völlig egal, ob „man das als Literaturwissenschaftler so macht“ oder eben nicht. Ich rebelliere jetzt einfach mal :-).
Falls sich ein paar große Literaten jetzt in ihren Gräbern umdrehen sollten – tut mir schrecklich leid. Ehrlich. Also dreht euch von mir aus um, aber bleibt bitte liegen, es besteht kein Grund, sich aufzuregen.

Also, die Liste. Während meiner Zeit an der Uni gab es immer mehr oder weniger lange Leselisten. Und was war das ein Glück, wenn man ein oder zwei Bücher für ein anderes Seminar schon gelesen hatte. Natürlich standen auf der Liste Klassiker drauf – Goethe, Schiller, Lessing, Mann usw. Aber. Großes Aber. Es war ja nicht so, als wäre mein Literaturwissenschafts-Studium trockenes Zitieren von Klassikern gewesen, absolut nicht. Es gab da auch Seminare, in denen unter anderem der Unterschied zwischen Fantasy und Science-Fiction behandelt wurde. Eins über Horrorliteratur- und Filme und eins über Krimis und Thriller. Ganz ehrlich, trockenes Studium ist was anderes (beispielsweise hunderte von Stilmitteln auswendig lernen, erspart geblieben ist mir so was auch nicht). Im Endeffekt habe ich während des Studiums sehr viel Uni-Lektüre gehabt, die, aus heutiger Sicht betrachtet, jede Menge Fantasy-Elemente hatte. Und da sind wir bei dem, was man angeblich nicht macht: An Bücher von beispielsweise 18-irgendwas mit heutigen Kriterien oder Begrifflichkeiten rangehen. Darf man nicht, tut man nicht, kann ja gar nicht klappen, wird ja dem Werk nicht gerecht und überhaupt. Genau das ist mir jetzt einfach mal vollkommen egal.

Nachdem einer meiner Dozenten Goethes „Faust“ mal als Thriller erklärt hat (klang das auf einmal spannend – wobei ich jetzt ausdrücklich nicht sagen will, dass „Faust“ nicht ohnehin spannend ist), kann ich jetzt auch diese chronologisch ungeordnete, internationale Liste machen und nenne sie einfach mal: Phantastik in Klassikern. Ganz so schlimm ist das sowieso nicht, weil man das Wort „phantastisch“ für genug Geschichten auf dieser Liste auch damals schon benutzt hat, aber man hat sie eben nicht in das Phantastik-Genre eingeordnet, wie es das heute gibt, logischerweise. Wahrscheinlich würde das auch gar nicht klappen, weil es oft eine ziemliche inhaltliche Mischung war – Liebesgeschichten, Krimi-Plots, Geister, alles quer durcheinander. Geordnet wurde da mehr nach Textgattungen: Das waren eben Romane, Erzählungen, Novellen, Dramen, fertig. Man könnte fast auf die Idee kommen, dass die Sache mit den Genre-Schubladen damals noch nicht ganz so wichtig war, die Textgattungs-Schubladen dafür umso mehr, aber darum geht es jetzt ja nicht.

Zurück zu der Liste und in diesem Zusammenhang auch gleich mal zurück zu Goethe. Genau genommen, zu Faust I. Ein Buch mit Teufelspakt und Hexen. Und niemandem, der behauptet, dass der gute Heinrich die ganze Handlung nur geträumt hätte, wie das in anderen Werken oft nicht so ganz klar ist. Oft muss man Faust schon in der Schule lesen, gilt ja schließlich auch (sagt Wikipedia heute zumindest) als das bedeutendste Werk der deutschen Literatur. Inklusive Hexe und allen Teufeleien. Goethe hat aber auch ein hübsches Gedicht mit einer Vampirin geschrieben. Das ist zwar keine Schullektüre geworden, gehört aber schon mit auf die Liste von Klassikern mit Phantastik-Zutaten.

Dann fällt mir diese sehr schöne Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens ein, mit drei Geistern, die einem sturen alten Mann die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft zeigen. Eine Geistergeschichte mit jeder Menge moralischen Lehren, aber trotzdem eine Geistergeschichte.
Oder man nimmt sich mal Shakespeare vor. Shakespeare und all seine Geister, Luftgeister, Hexen und so weiter. Und was ist er heute, abgesehen von lange tot und abgesehen von „vielleicht hatte er doch einen Ghostwriter“ (oder war der Ghostwriter)? Weltliteratur. Inklusive aller guten und sonstigen Geister.

Märchen standen noch auf dem Uni-Plan, aber das hatten wir schon ausführlich.

Franz Kafka. Menschen, die sich in Käfer verwandeln. Aber weil man sich immer noch streitet, ob das vielleicht alles nur symbolisch gemeint war und ob der Käfer wirklich ein Käfer war, zählt das wohl nicht so richtig. Der Käfer ist ja lange nicht das einzige seltsame Ding, was sich bei Kafka so findet, aber es soll auch Leute geben, die behaupten, bei ihm wäre alles seltsam gewesen.

Da wäre auch noch Theodor Storm mit seinem Schimmelreiter. Dämonisches Pferd und (angeblich) teuflischer Deichgraf, da merkt man schon, dass Storm von Gespenstergeschichten fasziniert war. Er hat auch Märchen geschrieben, wenn auch nicht viele. Und eine richtig fiese Gruselgeschichte, mit riesenhaften Katzen und im Prinzip Rache aus dem Jenseits. Ganz offiziell war er aber ein Schriftsteller des Realismus.

Gar nicht mehr retten kann man sich vor phantastischen Ereignissen und Gestalten in der Romantik. Eine meiner Lieblingsgeschichten handelt von einem jungen Musiker, der hinaus in die Welt gezogen ist und sich dabei in eine lebendig gewordene Göttin verliebt hat, die eigentlich eine Marmorstatue war. So gesehen klingt das nach einer Geschichte, die auch heute noch jemand schreiben könnte. Das war aber schon 1818, Spätromantik. Joseph von Eichendorff, „Das Marmorbild“.
Romantik ist ja nicht gleich Romantik, da gab es ja auch noch die Schwarze Romantik. Da gehörte dann beispielsweise E. T. A. Hoffmann hin, mit seinen teuflischen Elixieren, dem Doppelgänger, jede Menge Mord und Totschlag und am Ende möglicherweise auch dem Teufel selbst. Möglicherweise war der Klosterbruder, der das alles aufgeschrieben hat, aber auch nur betrunken – zumindest lässt das Ende des Romans die Idee zu.

Überhaupt gab es da diese ganze Welle im 19. Jahrhundert, da waren Gruselgeschichten total modern. Hochsaison für die Gothic Novels und die Schauerromane. Das war auch gleichzeitig Hochsaison für Leihbibliotheken, weil die Leute die praktisch gestürmt haben, um neue Geistergeschichten zu finden. Vampire waren damals im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig. Einer davon kam ja prinzipiell auch aus dem Salon. Es gibt diese schöne Entstehungsgeschichte zu „Der Vampyr“ von John Polidori. Nach einem Vulkanausbruch fiel der Sommer im Jahr 1816 praktisch aus und was machen Schriftsteller, wenn sie am Genfersee in der Villa von Lord Byron sitzen und das Wetter einfach mies ist? Eben, Gruselgeschichten schreiben. Abgesehen von Byron und Polidori waren auch Percy Shelley und Mary Shelley dabei und Mary Shelley schrieb damals ihren Frankenstein. Der Roman wird als Science-Fiction, Horror, Gothic Novel, Phantastik und irgendwie alles gleichzeitig eingeordnet.
Kritik gab es natürlich damals schon wegen all dieser Gruselgeschichten, jede Menge sogar. Ist ja immer so, wenn etwas erfolgreich ist, gleich kommt einer um die Ecke und hat etwas zu meckern.

Auf keinen Fall vergessen darf man bei dieser Phantastik-Liste Edgar Allan Poe, Bram Stoker und auch Robert Louis Stevenson. Wobei bis zum teils mysteriösen Tod der Herren auch die ganze Lebensführung relativ gut zu ihren Geschichten gepasst hat …

Was hatten wir denn bis jetzt – Deutschland, Großbritannien, die USA – nehmen wir noch was aus Frankreich. Guy de Maupassant, „Der Horla“, 1886 bzw. 1887. Ob der Ich-Erzähler da einfach langsam den Verstand verliert oder tatsächlich eine Art Vampir oder etwas ganz anderes im Haus hat … kann er am Ende leider nicht mehr klarstellen. Maupassant ist übrigens einer der wichtigsten Vertreter des Naturalismus, der Mensch als Wesen, das von seiner Umgebung geprägt wird.
Und, wenn man schon in Frankreich ist: Jules Verne. Wobei wir dann ja bei Science-Fiction sind, also doch etwas aus der phantastischen Schublade hüpfen.
Hüpfen ist noch ein schönes Stichwort zum Schluss. Ein zeitliches Hüpfen. Die Odyssee. Einer meiner Dozenten hat uns einen Teil davon mal als Lektüre für den nächsten Termin gegeben als Beispiel dafür, dass Untote schon seit einer, im wahrsten Sinne des Wortes, Ewigkeit in literarischen Werken vorkommen. Quasi klassische Horrorgestalten.


So, erst mal reicht das. Auch wenn da noch ganz, ganz viel fehlt. Schon erstaunlich, wie viel von dem, was im Prinzip ja auch Vorbild, entscheidender Einfluss und weiß der Teufel, was noch alles, für heutige Phantastik war, tatsächlich Uni-Stoff war bzw. hoffentlich noch ist. Da soll noch mal einer sagen, Phantastik wäre „nur“ so komisches Unterhaltungs-Zeugs. (Da müssten doch erst recht ein paar Leute in ihren Gräbern rotieren …) Abgesehen davon, dass Shakespeare seine Stücke auch zur Unterhaltung geschrieben hat und ein großer Teil seines Publikums nicht mal lesen konnte, wüsste ich jetzt auch nicht, seit wann „Unterhaltung“ was Negatives sein muss. Dass ein Buch seine Leser unterhält, macht es ja wohl nicht schlechter. Wie schon gesagt, gemeckert wird immer. Aber vieles aus der heutigen Phantastik hat seine Wurzeln tatsächlich in Klassikern der Literatur. Eine andere ganz wichtige Quelle sind übrigens religiöse Überlieferungen. Alte babylonische Texte oder auch die Bibel. Was man da alles so findet, kann auch ziemlich spannend sein, aber die Liste von Horrorgestalten aus alten religiösen Texten fange ich nicht auch noch an. Da wühle ich mich jetzt lieber durch das Bücherregal und sehe mal nach, was ich an Phantastik in Klassikern noch so finde. Ich bin dann mal auf phantastischer Zeitreise in den GeschichtenWelten …

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