Donnerstag, 7. April 2016

Märchenstunde



Es war einmal … Drei Worte, die sofort klar machen, dass man es mit einem Märchen zu tun hat. Und Märchen sind ja bekanntlich vor allem was für Kinder. Schon für die Allerkleinsten sind das wunderbar kindgerechte Geschichten. Also, wo waren wir stehen geblieben:

 
Es war einmal ein menschenfressendes Ungeheuer, das bei jedem Vollmond aus seiner Höhle kam und eine junge Frau aus dem Dorf am Fuße des Berges fraß. Einmal weigerten sich die Dorfbewohner, dem Ungeheuer ein Opfer herauszugeben, daraufhin machte es das halbe Dorf dem Erdboden gleich. Das ging über viele Jahre so, bis ein mutiger Ritter dem Ungeheuer auflauerte und ihm zu seiner Höhle folgte. Dreimal verlor er unterwegs seinen Weg, doch beim ersten Mal verriet ihm eine Eule, wohin er gehen musste, beim zweiten Mal der Wind in den Blättern eines Baumes und beim dritten Mal das Plätschern der Wellen in einem Teich. In der Höhle kam es zu einem erbitterten Kampf, doch am Ende konnte der Ritter das Ungeheuer in Stücke hacken und die junge Frau retten. Die beiden heirateten und lebten glücklich bis an ihr Ende.

Das ist jetzt vielleicht ein etwas seltsames Märchen und auch gerade erst frei erfunden, aber der Ritter, der die Jungfrau in Nöten rettet, drei wundersame Begegnungen – gar nicht so unmärchenhaft. Und natürlich das glückliche Ende. Aber bis dahin? Das große, böse Ungeheuer hat ein halbes Dorf ausgelöscht, zahlreiche junge Frauen als Mitternachtssnack verputzt und den Held bei dem Kampf wahrscheinlich auch verletzt. Eigentlich dann doch keine furchtbar kindgerechte Geschichte. Das ist ja auch kein echtes Märchen, zugegeben. Aber wie sieht es denn mit den echten Märchen aus? Dornröschen ist mit den 100 Jahren Schlaf ja noch harmlos, aber all die Prinzen, die in der Dornenhecke sterben? Die wunderbaren Todesarten für böse Stiefmütter? In Fässern mit siedendem Öl gekocht werden, in glühenden Schuhen zu Tode tanzen? Alles wahnsinnig kindgerecht, oder? Wie auch die menschenfressende Hexe, die im Ofen verbrannt wird, als Hänsel sie täuscht und Gretel ihr einen Schubs gibt. Oder die toten Männer, die in Stücken aus dem Kamin fallen, sich wieder zusammenbauen und eine Runde Kegel mit Totenköpfen spielen (oder so ähnlich – „Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“, findet man bei den Gebrüdern Grimm). 
Also, wie ist das nun mit den echten Märchen? Egal, ob es jetzt Grimms Märchen sind, Hauff oder Andersen – im Grunde sind Märchen oft furchtbar grausame, gruselige Dinger.
Wären es keine Märchen, würden sie wahrscheinlich „Grusel“, „Mystery“ oder „Horror“ heißen und für Kinder wäre das alles viel zu brutal. Zu viele Tote, zu viele explizite Beschreibungen, zu viele Folterszenen. Gut, einiges ist verharmlost, so springen Rotkäppchen und die sieben Geißlein wieder aus dem Magen des Wolfes heraus, aber erst, nachdem der Wolf von oben bis unten aufgeschnitten wurde. Ist ja nur der böse Wolf, macht ja nichts. 

Ich mag Märchen, weil sie aus wissenschaftlicher Sicht extrem interessant sind. Aber während ich so in den Märchenwelten unterwegs war, kam mehr als einmal die Frage auf: „Und das erzählt man kleinen Kindern? Am besten noch zum Einschlafen? Ernsthaft?“ Was dann gleich zur nächsten Frage führte: Warum? Warum erzählt man seit Generationen brutale, grausame Geschichten, in denen am Ende gerne mal mittelalterliche Foltermethoden zum Einsatz kommen? (Ja, ich weiß, geheiratet wird ja schließlich auch ...) Und, Frage Nummer drei: Warum regt sich da niemand drüber auf? (Womit ich jetzt hoffentlich niemanden auf dumme Ideen gebracht habe. Es reicht voll und ganz, dass das in anderen Ländern passiert. )

Grundsätzlich waren Märchen ja gar keine Kindergeschichten. Die Brüder Grimm haben ihre Märchen nicht erfunden, sondern „nur“ gesammelt. Viele dieser Geschichten stammen zum Beispiel aus dem Französischen und sind im Original noch viel, viel heftiger, als in der Grimmschen Version. Von den Kunstmärchen reden wir jetzt einfach mal nicht, da sind die Autoren wirklich selbst für jeden einzelnen Tropfen Blut verantwortlich. Bei Volksmärchen ist das aber etwas anderes. Diese Überlieferungen waren eben das, was man sich abends so am Feuer oder vor dem Haus erzählt hat. Bevor die Grimms mit ihrer Sammelwut angefangen haben, war davon kaum etwas oder gar nichts aufgeschrieben. Die Welt war damals (vielleicht) auch brutaler als heute, das ist wohl Ansichtssache. Hänsel und Gretel zum Beispiel war in der damaligen Zeit nicht so furchtbar weit hergeholt. Der Anfang zumindest, die Hexe war vielleicht doch erfunden.
Wahrscheinlich hat man damals auch den Kindern Märchen erzählt, weil man sie eben generell der Allgemeinheit erzählt hat und die Kleinen dann auch dabei waren. Vor etwas mehr als 200 Jahren war es mit Rücksicht auf empfindsame Kinderohren nicht so weit her, man hat Kinder ja auch nicht von Hinrichtungen oder ähnlichen Späßen ferngehalten.

Märchen waren also ursprünglich gar nicht für Kinder gedacht, also musste man sie beim Aufschreiben auch nicht entschärfen. Und man hat diese Geschichte schon immer erzählt, man könnte also sagen, es ist so eine Art Gewohnheit, sie auch weiterhin zu erzählen. Man ist gar nicht irgendwann auf die Idee gekommen, diese Gruselgeschichten Kindern zu erzählen, man hat sie einfach schon immer erzählt. Unter anderem auch den Kindern. Nur, dass man heute aus irgendeinem Grund meint, es wären Kindergeschichten. Dafür können natürlich weder die Kinder noch die Märchen etwas.

Theorien, wie kleine Kinder und grausame Märchen jetzt zusammenpassen und warum diese ganze Gewalt sogar sinnvoll ist, gibt es eine ganze Menge. Zum Beispiel die Idee, dass die lieben Kleinen ja noch gar nicht die Brutalität verstehen, weil sie sich das alles noch gar nicht richtig vorstellen können. Keine Ahnung, ich kann mich persönlich nicht daran erinnern, dass ich Albträume von bösen Hexen und Wölfen gehabt hätte. Ist wohl auch zu lange her. Es gab in meiner Familie aber auch den Fall, dass ein Kind nach dem Anhören von „Schneewittchen“ verängstigt darauf bestanden hat, die Wohnungstür abzuschließen, damit die böse Stiefmutter nicht reinkommen kann. Wahrscheinlich kommt es da einfach auf das jeweilige Kind an.
Dann gibt es noch den Ansatz, dass Kinder Märchen brauchen, inklusive rollender Köpfe und siedendem Öl, und zwar unter anderem, weil sie in einem gewissen Alter ihre Eltern und oft vor allem die Mutter für jedes Verbot hassen und die Gewaltausbrüche in Märchen das Ventil für die Kinder sind. Das war jetzt die extrem knappe Zusammenfassung, aber die Theorie existiert wirklich. Die Kleinen leben ihre Gewaltfantasien also praktisch in den Märchen aus und danach ist die Sache erledigt. Vielleicht überlegt man sich mit der Idee im Hinterkopf doch noch mal, ob man seinen Kindern diese Sache mit der Hexe und dem Ofen wirklich erzählen will, bevor man anfängt, vor Weihnachten Plätzchen zu backen … Aber es geht ja ausdrücklich nur um die Vorstellung, nicht um die Realität.
Außerdem wäre da noch die mögliche Erklärung, dass die Märchen so furchtbar sein müssen, weil sie Kindern moralische Dinge beibringen sollen und sie gehörig erschrecken müssen, damit die Botschaft auch richtig ankommt. Nicht mehr sehr zeitgemäß, aber Märchen sind ja auch schon etwas älter, da hat man das mit der Erziehung noch anders gemacht. Rotkäppchen zum Beispiel. Komm nicht vom Weg ab, tu, was man dir zu Hause gesagt hat, sonst kommt der Wolf und frisst dich. Erziehungserfolg durch reine Panik war früher mal eben nichts Ungewöhnliches, ist heute aber überholt. Wobei, diese Sache mit „Wenn du nicht brav bist, steckt dich Knecht Ruprecht in den Sack …“ Mir hat damit nie jemand gedroht, aber andere Eltern hatten da Idee …
Von wegen Eltern und ihre Ideen. Vielen Eltern fällt ja wirklich auf, wie heftig Märchen sind. Es soll auch welche geben, die ihren Kindern zwar Märchen erzählen, aber die Dinger beim Lesen praktisch zensieren, damit die schlimmsten Stellen außen vor bleiben. Das klappt vielleicht auch. Bis die Kleinen lesen können …

Also, was ist jetzt richtig? Mal auszutesten, ob die Kleinen Albträume von Dornenhecken bekommen und danach kein „Dornröschen“ mehr vorlesen? Sich darauf verlassen, dass das so schlimm nicht sein kann, weil man es ja schon immer so gemacht hat? Den Kleinen die Märchen mit dem Argument wegnehmen, dass das ja eigentlich überhaupt nichts für sie ist? Das muss wohl jeder selbst wissen. Tatsache ist, Märchen halten sich seit über 200 Jahren. Eine Menge Zeit, damit sich mal jemand Gedanken machen kann, wie viele Elemente aus Horror- und Gruselgeschichten tatsächlich da drin sind.
Tatsächlich scheint es ja auch so, als hätten sich sogar relativ viele Leute Gedanken darum gemacht. (Oder die hatten alle Albträume als Kinder ...) Wenn man sich mal den Spaß macht, mitzuzählen, in wie vielen Liedern, Büchern und Fernsehserien oder auch Filmen Märchenelemente vorkommen und dort auf ganz und gar nicht jugendfreie Art und Weise umgesetzt werden, hat man sehr schnell eine sehr lange Liste. Ob bei Subway to Sally, in Supernatural oder bei Terry Pratchett – an sehr vielen Ecken finden Märchen in einer verschärften Variante Erwähnung. Dabei sind diese Märchen eigentlich gar nicht einmal so sehr verschärft, sondern viel mehr nicht entschärft. Dann kommt auch keiner mehr auf die Idee, dass das Kindergeschichten sind. Auf einmal ist das dann doch wieder was für Erwachsene und vor allem im Fernsehen ganz sicher nicht für kleine Kinder geeignet. Vor allem nicht vorm Einschlafen.


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