Mittwoch, 25. Mai 2016

Schreibentzug



Keine Zeit zum Schreiben gibt es ja angeblich nicht, weil auch der Weg von A nach B, Zugfahrten oder Wartezeiten immer irgendwie gehen. So ein paar Minuten kann man sich theoretisch immer mal irgendwo „klauen“ – muss man auch, sonst werden die Geschichten ja nie fertig. Darum geht es auch gerade gar nicht, mal kurz was ins Notizbuch zu schreiben oder zur Not ins Handy zu tippen – alles kein Problem.
Aber diese richtigen Schreibtage, die Zeit, in der man mal stundenlang nichts anderes machen muss – die kann man nicht mal eben so auf den Weg zur Uni legen. Aber die sind wichtig. Morgens aufstehen, an den Schreibtisch setzen und komplett in einer Geschichte versinken. Das ist nicht nur wichtig für die Geschichte, damit sie fertig wird, sondern auch für mich, damit ich nicht unausstehlich werde :-). Nicht zum Lesen zu kommen ist eine Sache, nicht zum Schreiben zu kommen führt zu akuter Gereiztheit und Unruhe. Unruhe deshalb, weil da ständig etwas im Hinterkopf ist, was gemacht werden will, aber ich komme einfach nicht dazu.
Richtig schlimm ist das, wenn Geschichten schon sehr weit sind und eben nicht mehr so viel fehlt und dann kommt man nicht dazu, die verflixten Dinger fertig zu schreiben. Schrecklicher Zustand.

Es liegt wohl auch einfach daran, dass ich es nicht leiden kann, mich nur für ein paar Minuten auf so eine Geschichte einzulassen und dann direkt wieder etwas anderes zu machen. Für Notizen ist das ok, zum Nachdenken über den Plot auch, aber um richtig was zu erreichen? Ich fange ja auch nicht an, mal fünf Minuten ein Regal aufzubauen, drehe zwei Schrauben rein und lasse das Ding dann wieder liegen. Es ist einfach sinnfrei.

Es ist auch etwas völlig anderes als Schreibblockaden. Die sind natürlich auch ganz furchtbar extrem nervig, keine Frage. Aber es fällt einem ja auch nichts ein und es soll ja wirklich helfen, das Schreib-Projekt einfach zur Seite zu legen, weil es noch schlimmer wird, wenn man sich darin verbeißt. Das ist jedenfalls eine Theorie.
Aber wie gesagt, darum geht es ja gar nicht. Sondern um diesen schrecklichen Zustand, etwas schreiben zu wollen und nicht zu können, weil es zeitlich wirklich so absolut gar nicht geht. Weil die To-Do-Liste neben der aktuellen eigenen Geschichte gerade viel zu lang ist und es schon eine spannende Sache ist, allein damit fertig zu werden. Und weil gerade diese Geschichte eben nicht bis zu einem gewissen Punkt fertig werden muss, deswegen ist es kein Problem, sie auf der Prio-Liste nach hinten zu schieben. Die Geschichte hat Zeit, alles andere eine Deadline. Hmpf.

Natürlich spuken gerade zu solchen Zeiten mehr Ideen durch meinen Kopf, als ich gerade gebrauchen kann. Also wenigstens die Geistesblitze ins Notizbuch und weiter im „Muss vorher gemacht werden“-Text.

Irgendwann stellen sich dann die Symptome des Schreibentzugs ein. Leicht angespannt-gereizte Laune, ohne eigentlich zu wissen, warum. Das ist zumindest mein ganz persönlicher Schreibentzug, vielleicht ist das bei anderen auch anders oder ich bin der einzige Mensch, der es überhaupt so weit kommen lässt, keine Ahnung.

Das einzig sinnvolle Mittel dagegen ist es, irgendwann dann doch unvernünftig zu sein. Alles zur Seite zu schieben, was sich zur Seite schieben lässt, und zu beschließen, wenigstens mal eine Stunde zu schreiben. Nach der einen Stunde dann aber doch nicht aufzuhören, weil es einem ja so gefehlt hat. Also hängt man noch eine Stunde dran und beschließt, danach auch ganz bestimmt aufzuhören und was anderes zu machen. Man wiederhole diesen Vorgang beliebig oft. Am Ende wird es doch ein Schreibtag, gegen alle „guten“ Vorsätze. Danach streitet sich dann die leise Stimme eines schlechten Gewissens („Aber du wolltest doch heute noch …“) mit dem siegessicheren Kichern der Muse, die es mal wieder geschafft hat, sich durchzusetzen, und mit dem „Endlich wieder zurück in der Geschichte“-Gefühl. Es steht also zwei gegen einen und da Musen sehr, sehr energische Mädels sind, hat das schlechte Gewissen keine Chance.

Wieso ich ausgerechnet jetzt auf diese Sache mit dem Schreibentzug komme? Dass es gerade mal wieder so eine Phase ist, ist nicht schwer zu erraten. Aber dieses Mal wird vielleicht alles ganz anders, weil am Ende der erste Schreibtag im richtigen Arbeitszimmer steht. Vielleicht wird es auch viel schlimmer, weil so ein Umzug immer mit Stress verbunden ist, Umzug mit sehr langer To-Do-Liste im Hintergrund noch viel mehr (umziehen alleine reicht ja nicht), aber immerhin freut man sich auf die neue Wohnung. Vielleicht wird es auch deswegen viel schlimmer als sonst, weil ich gerade an einer Geschichte schreibe, die eine ganz besondere Vorgeschichte hat und von der ich mich schon mehr als einmal gefragt habe, ob sie in irgendeiner Form verflucht ist, im Sinne von – sie wird nie fertig. Nicht, dass ich da jetzt wieder so völlig rauskomme und sie irgendwo zwischen den Umzugskartons verliere …

Auf alle Fälle ist es spannend. Vielleicht sammeln sich im aktuellen Schreibentzug ja ganz tolle Ideen, die dann gar nicht schnell genug aufs Papier springen können. Da könnte so eine Entzugs-Phase tatsächlich mal für etwas gut sein. Vielleicht wird die möglicherweise verfluchte Geschichte am Ende auch ganz schnell fertig und es hat sich ausgeflucht. Mal sehen. Vorerst gehe ich jetzt weiter Bücher einpacken. Die wollen ja schließlich alle in ihr neues Zimmer.

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