Donnerstag, 23. Juni 2016

Der Plot als Inspirations-Killer


Oder auch: Plot aufgeschrieben, Geschichte weg. 

 
Eigentlich sollte es helfen, den Plot einer Geschichte aufzuschreiben. Da hüpft die Geschichte durch den Kopf, winkt mit beiden Armen und brüllt lautstark: „Schreib mich auf! Sofort!“ (Und im schlimmsten Fall auch noch: „Sonst gehe ich und komme nie wieder! Hast du gehört? Nie-mals!“)

Und dann setzt man sich hin, will nicht riskieren, dieses Geschichten-Wesen zu verärgern und schreibt den Plot auf. Und bastelt daran herum und findet Fehler und füllt Lücken und macht dieses und jenes vielleicht doch wieder anders. Bis dieser Plot endlich steht. Im Notizbuch, auf dem Rechner, wo auch immer, Hauptsache, er steht. Dann kann man zu diesem aufgeregten Geschichten-Dings gehen und sagen: „Hey, jetzt hast du, was du wolltest, jetzt kannst du bleiben.“ (Oder auch: „Jetzt entkommst du mir nicht mehr. Hast du gehört? Nie-mals!“)

Und dann? Tja, Pustekuchen ist dann. Funkstille. Es hat ja jetzt, was es wollte. Kein Grund mehr, lautstark im Kopf herumzubrüllen und schneller zu reden, als man mitschreiben kann. Man hat ja auch den Plot fixiert, kann ja eigentlich nix mehr passieren, man könnte ja jetzt in aller Ruhe diese Geschichte aufschreiben. Könnte. Theoretisch. Wenn sie nicht plötzlich so still wäre. 

Spannend ist es, wenn es neu ist. 

 

Eine Weile dachte ich, das machen nur meine Geschichten. Aber nein, es geht anscheinend noch mehr Leuten so. Das ist zwar einerseits beruhigend, andererseits ändert das aber nichts an der Frage: Was macht man jetzt damit? Das Geschichten-Dings mal kurz anschubsen so von wegen: „Sag was???“ Wenn das mal gehen würde.

Wahrscheinlich ist es wie mit allem: Wenn es neu ist, ist es total spannend. So wie mit kleinen Kindern und Spielsachen. Das neue Spielzeug ist soooo toll und die alten liegen erst mal in der Ecke. Bei Geschichten ist es eben kein Spielzeug, sondern eine Idee. Die neue Idee ist total aufregend und man will sich damit beschäftigen und am liebsten aus dem Kopf direkt den ganzen „Film“ in den PC übertragen. Oder so ähnlich.
Aber wenn der Plot aufgeschrieben ist und man weiß, dass die Idee jetzt fixiert ist, nicht mehr wegläuft – dann interessiert sich der Kopf nicht mehr so dafür. Es steht ja irgendwo, muss man nicht drüber nachdenken. Über das Internet hat mal jemand was Ähnliches gesagt – wir merken uns nichts mehr, man kann ja alles googeln.
Es ist quasi das umgekehrte Problem wie mit gelben Post-its. Wenn man etwas hat, worüber man die ganze Zeit nachdenkt, was man zum Beispiel noch dringend erledigen muss, dann nervt das. Ständig. Als wäre dieser gelbe Klebezettel im Kopf. Aber wenn man sich um die Sache gekümmert hat, ist der Zettel im Kopf weg. 

Wenn das die Lösung ist, will ich dann mein Problem zurück?

 

Erklärungen gibt es also für das Problem, aber wo ist die Lösung? Fragen offen lassen nach dem Motto „Klärt sich beim Schreiben“? Das könnte nach hinten losgehen, muss aber nicht. Keinen Plot mehr aufschreiben? Ganz schlechte Idee.

So ganz prinzipiell will man ja das grundsätzliche, anfängliche „Problem“ zurück, nämlich diese Geschichte, die total energisch im Kopf herumspringt und unbedingt geschrieben werden will. Aber eben ohne dass sie die Klappe hält, sobald sie ihre Aufmerksamkeit bekommen hat.
Genau dieses „Total aufregende Idee“-Gefühl ist es aber auch, was den typischen Anfängerfehler auslöst, mit dieser einen tollen Idee im Kopf einfach mal drauflos zu schreiben und am Ende – nirgendwo zu landen. Irgendwann abzubrechen, weil es nicht mehr weitergeht und man eigentlich auch gar nicht mehr weiß, wie es weitergehen könnte.

Es geht also nicht ohne Plan. Es soll Leute geben, die das können, aber das ist wohl eher die Ausnahme. Also muss ein Plan her, bzw. ein Plot. Aber ohne diesen Geschichten-Funken zu löschen. Also, wie navigiert man jetzt wieder von dieser hübschen Position „between the devil and the deep blue sea“ irgendwohin, wo es geordnet genug zugeht, um vernünftig eine Geschichte schreiben zu können, aber mit genug Aufregung, um dem Ganzen richtig Antrieb zu geben? Man könnte die Frage auch anders stellen: Wie bin ich jetzt mit genug emotionaler Distanz begeistert genug von meiner Geschichte? Genug kühlen Kopf bewahren, um sich nicht in Blödsinn zu verrennen, aber auch genug Enthusiasmus, um loszulaufen.

Wie gesagt, ohne Plan geht es schon mal nicht – also vielleicht doch mit noch mehr Plan?

Der Reiseführer durch die GeschichtenWelt

 

Irgendwie ist so eine Geschichte wie eine Reise durch eine Welt, die man sich selbst ausgedacht hat. Oder auch wie die Karte zu einem Spiel, das man sich ausgedacht hat. Mit dem Plot hat man im Prinzip die Reisestationen ganz grundsätzlich festgelegt, aber auf der Karte ist noch relativ viel dunkel. Also macht man doch einfach mal das, was man in jedem ordentlichen Spiel macht: Man nimmt die Quest an, die Karte aufzudecken :-). (Ich bin immer noch beim Schreiben. Ehrlich.)

Bei der letzten Geschichte, die so aufgedreht durch meinen Kopf gehüpft ist, habe ich ihr einfach mal den Gefallen getan und nicht nur den Plot aufgeschrieben, sondern alles an Szenenschnipseln, was sie so auf Anhieb ausgespuckt hat. Nur mit einem Satz, so nach dem Motto „Am Ende fragt die Hauptfigur die Nebenfigur XYZ, was jetzt eigentlich aus ABC geworden ist.“ Oder auch einzelne Sätze, von denen feststand, dass eine Figur sie irgendwann von sich geben würde.

Das führte erst einmal dazu, wozu das Aufschreiben immer führt: Die Geschichte brennt jetzt nicht mehr so unter den Nägeln, es ist nicht mehr dieses „Schreib mich auf! Sofort!“, aber es passieren auch zwei Dinge: Erstens kommt es mir so vor, als würde ich viel schneller schreiben, weil in ziemlich kurzer Zeit, noch in der Phase dieser Anfangsbegeisterung, wenn es neu und spannend ist, sehr viel feststeht. Mehr als „nur“ die einzelnen Reiseetappen, sondern auch viel mehr dazwischen.

Und zweitens ist es im Endeffekt auf einmal viel leichter, wieder weiterzuschreiben. Weil ich einfach nur nachschauen muss, was jetzt eigentlich kommt. Den Zweck erfüllt der reine Plot natürlich auch, aber wenn da mehr steht, als nur das, was jetzt passiert, bin ich schneller wieder so richtig mittendrin. Wie Türen zu der Geschichten-Welt, die von selbst aufgehen. Außerdem hat das lebhafte Geschichten-Wesen dann nicht mehr so die Chance, noch Abstecher in Gegenden zu machen, wo es eigentlich gar nicht hin sollte. So zwischen Station sieben und acht der Reise noch Station 7a, 7b und 7c einzubauen und man rennt erst mal auf der Karte herum, und versucht das eigensinnige Ding wieder einzufangen … (Was wohl auch nicht nur mir passiert :-) )

Es ist also im Prinzip wie immer: Das beste Mittel, um gegen kleine Tücken beim Schreiben anzukommen, ist – mehr schreiben. Nicht weniger schreiben. So aufs Wesentliche reduziert klingt das auch völlig logisch und vielleicht hätte mir das auch alles schon viel früher einfallen müssen. Oder ich hätte es früher irgendwo lesen müssen, schließlich findet man genug Schreibratgeber auf diesem Planeten, die einem ganz viele tollte Methoden empfehlen. Ganz viele eben. Der eigentliche Witz daran ist doch – welche von den irrsinnig vielen möglichen Vorgehensweisen ist denn jetzt meine? Welche von denen funktioniert nicht bei demjenigen, der mir so fröhlich davon erzählt, sondern bei mir? Und dann kann ja noch der Fall eintreten, dass es bei der einen Geschichte besser auf die eine Art funktioniert und bei einer anderen besser auf eine andere. 

Und dann gibt es die Ausnahme, die die Regel bestätigt …

 

Darüber diskutiere ich gerade mit einer Figur, die wohl eine meiner Lieblingsfiguren wird. Sie hat so ihre Art, hin und wieder mit sehr genauen Vorstellungen, aber auch auf sehr un-nervige und eher gelassene Art und Weise einfach in meinem Kopf aufzutauchen. Dieses „Schreib das auf!“ hat sie perfektioniert, aber interessanterweise reagiert sie total gelassen auf ein „Warte mal.“ Nichts von wegen „Wenn du mir nicht sofort zuhörst, verschwinde ich auf Nimmerwiedersehen!“. Dafür ist sie zu vernünftig. Oder sie hat es nicht nötig, wie auch immer. Der Plot für ihr nächstes Abenteuer steht mittlerweile. Stellt sich jetzt die Frage: Karte weiter aufdecken oder nicht? Eigentlich tendiert sie weder dazu, Umwege zu machen noch ist es sonderlich schwierig, wieder in die Geschichte reinzukommen. Mal sehen, was am Ende sinnvoll ist.

Was auch immer jetzt aus dieser Idee mit dieser Figur wird – es ist beim Schreiben einfach keine Geschichte so ganz wie die andere. Da denkt man über die Frage nach, wie man vermeiden kann, dass der Plot die Inspiration tötet, findet erstaunlicherweise sogar eine Lösung, nur um dann festzustellen, dass es bei einer anderen Geschichte doch schon wieder ganz anders sein kann. Andere Welt, anderes Spiel, andere Figuren, die logischerweise auch einfach anders ticken. Aber wenn man sich nicht dauernd irgendwie etwas Neues einfallen lassen müsste, wäre es auf Dauer ja auch langweilig. Vielleicht sollte ich einfach froh darüber sein, dass diese Geschichten in meinem Kopf sich weigern, nach Schema F zu funktionieren. Und mich noch ein wenig mit einer gewissen Figur darüber unterhalten, wo sie denn jetzt zuerst hin möchte.

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