Mittwoch, 10. August 2016

Papier ist magisch, Teil 1: Notizbücher



Moderne Technik ist ja so im Grunde etwas Feines. Man kann überall von jedem erreicht (oder von Werbemails genervt) werden, die meisten Sachen kann man auch unterwegs „gerade mal noch schnell“ und all solche praktischen Vorteile. Vor allem Schreiben am PC ist gut und schön, das kann man leichter korrigieren, es geht insgesamt schneller, das Verschieben von Sätzen und ganzen Abschnitten ist einfacher und überhaupt. So ein technisches Dings kann aber auch kaputtgehen, leer werden und einen auf ganz fiese Arten im Stich lassen.

Ich habe einmal den Fehler gemacht, eine Idee in Stichworten ins Handy zu tippen, weil am Wochenende, mitten in der Nacht, nach ein, zwei Gläsern Wein die Schrift vielleicht nicht mehr so astrein gewesen wäre. Natürlich ist das Handy kurz danach abgestürzt und natürlich ließ sich der ganze Spaß nicht mehr retten. Es gibt da ja so etwas wie Sicherheitskopien und ja, natürlich habe ich welche. Wichtige Texte werden immer sofort mindestens doppelt gespeichert. Nur eben das eine Mal nicht und wie das eben so ist, wenn man einmal nicht aufpasst … Trotzdem, wenn man sich an die Technik mal gewöhnt hat, mag man sie auch irgendwie und was man mal gewohnt war, gibt man auch nicht mehr her.
Die ganzen liebgewonnenen Stromfresserchen mögen also ihre Nachteile, aber eben auch jede Menge Vorteile haben. Aber sie sind halt nicht aus Papier. Trotz aller Vorteile der Technik  geht irgendwie nichts über Notizbücher.

Notizbücher können nass werden. Ist auch schon passiert. Selbstverständlich auf dem Weg zur Uni, nicht auf dem Weg nach Hause. Man läuft eilig zur Bushaltestelle und hat das Glück, von einer netten Fußgängerin darauf aufmerksam gemacht zu werden, dass der Rucksack außen nass ist. Wasserflasche nicht richtig zu, und das mit Block, Notizbuch und E-Reader im Rucksack. Glücklicherweise hat es dem Reader nichts getan und selbst im Notizbuch ist die Tinte (richtige Tinte, keine Kugelschreiber-Tinte) nur an ganz wenigen Stellen zerlaufen. Da waren ein paar Wörter futsch, aber alles nicht so wild. 

Ausgerechnet das Notizbuch mit dem wasserscheuen Tierchen
darauf musste damals natürlich die Dusche abbekommen.


Diese Dinger aus Papier haben aber dann doch ihre Vorteile. Für 13 Minuten Zugfahrt krame ich nicht das Tablet aus der Tasche, Notizbuch aufschlagen geht da viel schneller. Während Uni-Vorlesungen zu schreiben, geht mit dem Notizbuch gefühlt auch besser, auch wenn tippende Menschen im Hörsaal im Prinzip normal sind, mittlerweile wohl sogar normaler als schreibende Menschen – vielleicht bin ich da auch einfach altmodisch. Es ist ja schließlich nicht so, dass es die meisten Dozenten überhaupt groß interessieren würde, was man eigentlich während der Vorlesung oder im Seminar oder danach in der Klausur macht oder auch nicht macht …

Abends auf der Couch mal noch schnell was aufzuschreiben geht mit dem Notizbuch irgendwie auch einfacher und ist gemütlicher. Um draußen zu schreiben, und wenn es nur auf dem Balkon ist, sind Notizbücher auch besser. Wenn einem mitten auf einem Festival was einfällt oder mitten auf der Buchmesse (oder mitten in der Nacht) sind die Notizbücher sowieso viel praktischer. Man kann nahtlos weiterschreiben, ohne auf „speichern“ drücken zu müssen, das Ding braucht nicht dann doch irgendwann mal Strom, es ist schön klein und dann doch auch leichter als jedes technische Gerät. Und - es ist eben aus Papier.

Das mit dem Papier ist einfach so eine ganz spezielle Sache. In einem Notizbuch aus Papier sind es leere Seiten, die man füllt. Es hat direkt was von „Buch schreiben“ oder zumindest „leeres Buch vollschreiben“. Natürlich hat die Textverarbeitung ein Wörter-Zählprogramm (wobei sich da unterschiedliche Programme auch mal uneinig sein können, ob es jetzt 100 Wörter mehr oder weniger waren) und klar sieht man, wie viele Seiten der Text hat. Aber. Aber es ist nicht dieser Vorgang, dass man leere Seiten vor sich hat, eben genau so viele, wie im Notizbuch noch frei sind und nicht unendlich viele, die nach Bedarf hinzugefügt werden. Wenn das Dings voll ist, hat man es vollgeschrieben und hat ein kleines, eigenhändig mit Worten gefülltes Büchlein in der Hand. Trotz aller Wörter- und Seitenzählerei, für mich ist das noch eine ganz andere Art von „da sieht man mal, was man geschafft hat“.

Leere Seiten füllen ist einfach so ein Ding, das hat schon als Kind Spaß gemacht. Ich fand es immer ganz toll, wenn mir jemand Papier in die Hand gedrückt hat, weil das Zeug etwas regelrecht Magisches an sich hatte und bis heute noch hat. Einerseits war da ein fast schon ehrfürchtiges Gefühl bei einem ganzen Block voller leerer Seiten, weil es leere Seiten waren. So viel Platz zum Füllen. Und eben weil es leere Seiten waren, musste da unbedingt was hin. Leeres Papier geht ja gar nicht, das schreit ja geradezu danach, beschrieben oder, wenn man eben noch nicht schreiben kann, bemalt zu werden. Notizbücher, Blöcke, Zettelblöcke, Stifte – das war fast so toll wie Spielsachen. Irgendwie scheint das geblieben zu sein. 

Das Notizbuch, das sich momentan fleißig füllt.
Mit passendem Motto zur Geschichte.

Von Hand zu schreiben soll ja auch für die Lernfähigkeit ganz wichtig sein, weshalb Schulkinder ja nicht sofort tippen an der Tastatur lernen sollten. Und später passieren da immer noch spannende Sachen im Gehirn, die bei der Tastatur einfach nicht passieren. Scheint also tatsächlich sinnvoll zu sein, ganz abgesehen von aller Nostalgie :-) .
So gefühlt sind Notizbücher auch zum Überarbeiten ganz toll, weil der ganze Text dann eben doch noch mal abgetippt wird. Die Fassung auf dem Rechner ist dann immer schon die zweite Version mit einer Überarbeitung und gefühlt macht es das für später leichter.
In Notizbücher, bzw. allgemein auf Papier zu schreiben, ist auch irgendwie intuitiver. Auch wenn mit dem Papier vieles nicht geht, wie einfach mal einen Absatz zu verschieben oder auch nur eine Zeile im Plot zu verrücken, ist es mit Seiten aus Papier so eine schön freie Angelegenheit. Mindmaps (falls das tatsächlich mal vorkommt) oder auch jede Figur in einer Ecke anfangen zu lassen und dann das Ganze in die Mitte laufen zu lassen – dem Papier ist das egal. Mehrere Farben für mehrere Figuren sind auch kein Problem, man kann auf Papier einfach so wunderbar herum malen. Also malen jetzt in meinem Sinne. Ich kann nicht malen, außer schiefen Kreisen und Linien. Meistens wird es schon kompliziert, jemandem zu erklären, wie das Bild in meinem Kopf gerade aussieht. So nach dem Motto: „Verstehst du, was ich meine?“ „Ähm … jetzt nicht so ganz …“ Wie auch immer. Um eine Packung Fineliner aufzumachen und die Handlungen von unterschiedlichen Figuren in unterschiedlichen Farben zu notieren und zu umkringeln, reicht es noch. Und selbst wenn es dafür garantiert auch ein Programm oder eine App oder sogar beides gibt, auf das Papier würde ich trotzdem nicht verzichten wollen. Trotz der tintenblau bis bunt beschmierten Finger.

Wie schon gesagt, vielleicht ist das auch alles irgendwie altmodisch. Und ich mag ja moderne Technik. Mein Tablet würde ich definitiv nicht mehr hergeben wollen und den E-Reader, bei aller Liebe zum gedruckten Buch, auch nicht. Trotzdem läuft es immer wieder darauf hinaus, am Bahnhof noch einen „kurzen“ Abstecher zu machen und „nur mal nachzusehen“, ob es wieder tolle neue Notizbücher im Laden gibt. Oder vier oder fünf von der Sorte mitzunehmen, wenn man ein Wochenende unterwegs ist, weil jedes davon für eine andere Geschichte reserviert ist und man weiß ja nie, welche Idee einen gerade überfällt. Zum Beispiel auf der Leipziger Buchmesse. Einen ganzen Stapel Notizbücher mitgeschleppt, die dann fein säuberlich gestapelt im Hotel lagen.


Der Stapel Notizbücher, der mit nach Leipzig durfte



Und dann fiel mir tatsächlich ein kurzes Gedicht ein, das die Beziehung zwischen zwei Charakteren aus einer Geschichte auf den Punkt bringt. Der erste Teil abends im Hotel, wo es im Notizbuch für alles gelandet ist, also in dem Buch für alle spontanen Ideenschnipsel, das ich immer in der Tasche habe. Und nicht in dem Notizbuch zu der Geschichte, in dem auch schon sehr viel davon drin stand. Der Schluss war dann am nächsten Morgen auf der Buchmesse plötzlich da, also ist er im selben Notizbuch gelandet. Und säuberlich abgeschrieben, ohne all die durchgestrichenen Wörter, wurden die drei Strophen dann am Abend auch noch mal. In den Notizteil vom Kalender, weil der die größeren Seiten hatte. Ergebnis von einem ganzen Stapel Notizbücher im Gepäck: Erstens eine Tasche, die theoretisch hätte leichter sein können. Zweitens ist am Ende kein Geschichten-Einfall da gelandet, wo er hätte landen sollen. Aber jeder einzelne Einfall ist irgendwo gelandet, trotz Messe-Trubel. Mal sehen, ob ich mich nächstes Jahr noch daran erinnere und weniger Notizbücher einpacke. Oder ob bei vier Tagen zwischen einer riesen Menge Bücher nicht schon genug Papiermagie in der Luft liegt :-). Wobei das mit den gedruckten Büchern ein anderes Thema ist, das in Teil 2 dran ist. Also: Fortsetzung folgt demnächst.


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