Montag, 31. Oktober 2016

Edkin's Trick or Treat




Schon eine ganze Weile hatte sich die Nacht über den kleinen, beschaulichen Vorort herabgesenkt. Nach und nach erloschen die Lichter in den Fenstern. Aus dem einen oder anderen flackerte das bläuliche Licht eines Fernsehers, der möglicherweise vor schon längst eingeschlafenem Publikum lief.
Das Trommeln des Regens hatte aufgehört, nur noch die nassen Straßen und das Wasser in den Pfützen, das die Straßenlaternen spiegelte, erinnerten an das unwirtliche Wetter, das an diesem Oktobertag das Leben von Edkin gerettet hatte.
Sie hatten ihn tatsächlich verstümmeln wollen, diese grausamen Leute! Selten hatte Edkin so enttäuschte Gesichter wie die des kleinen Sam und seiner Schwester Lucy gesehen, als ihre Mutter ihnen erklärt hatte, dass sie bei diesem Wetter nicht draußen sitzen und an Edkin herumschnitzen konnten und dass sie die Sauerei drinnen auf gar keinen Fall dulden würde.
Stumm dankte Edkin dem Wind und dem Regen. Sobald er von den Plänen der Menschen erfahren hatte, hatte er beschlossen, bei der erstbesten Gelegenheit zu fliehen. Nur noch die Dunkelheit hatte er abgewartet, jetzt zog und zerrte er an den Wurzeln im Boden, um sie zu lösen und endlich auf und davon zu können. Fast war es geschafft, nur noch einmal mit Schwung ziehen und – mit einem leisen Schmatzen gab der Boden endgültig nach. Der Schwung ließ Edkin losrollen, seine Ranke überschlug sich mit ihm. Er rollte über die Wiese des Nachbargrundstückes, an die das Gärtchen der Millers grenzte, und kam schließlich vor den Verandastufen zum Liegen.
Etwas benommen blinzelte er und erschreckte sich fast zu Tode, als sein Blick auf die zahlreichen Verwandten fiel, die dem Schnitzmesser bereits zum Opfer gefallen waren. Von den Stufen grinsten ihn nicht weniger als fünf Fratzen an, im Inneren der ausgehöhlten Köpfe leuchteten Kerzen. Wie barbarisch! Ein Zittern überlief Edkin, das bei seinem Stiel begann und sich dann über die  ganze Ranke bis in die Wurzeln fortsetzte. Er musste unbedingt hier weg!
Dass er es noch nicht so ganz raus hatte, wie das mit der Vorwärtsbewegung ging, machte es nicht besser. Er hob zunächst einmal seinen orangefarbenen Kopf und richtete sich dann weiter auf. Schließlich balancierte er ganz stabil auf seiner Ranke und seinen Wurzeln, während der größte Teil der Ranke gerade aufgerichtet war und oben wieder einen Bogen beschrieb, bevor sie in den Stiel mündete, an dem sein Kopf hing. Den Teil der Ranke, der jetzt seinen Fuß bildete, zog Edkin zusammen und streckte ihn wieder aus, wie er es bei Raupen gesehen hatte. Erst war er noch ein wenig wackelig, doch dann ging es überraschend gut.
So schnell ihn seine Ranke vorwärts schieben konnte und froh, dass ihn niemand gesehen hatte, suchte Edkin das Weite. Er wählte willkürlich eine Richtung, folgte der Straße, irgendwohin musste sie ja führen. Zunächst führte sie ihn an weiteren Häusern vorbei, die mit weiteren toten Artgenossen geschmückt waren. Nein, wie abscheulich! Edkin beschleunigte noch einmal. Der Schreck wurde langsam zu Wut. Na wartet, ihr mörderischen Menschen! Ihr könnt was erleben!, dachte er bei sich. Er würde sich ein Versteck suchen und sich dann überlegen, wie er Rache nehmen konnte für dieses Kürbis-Massaker.

Wenn man es nicht gewohnt war, war es gar nicht so einfach, sich vorwärts zu bewegen. Edkin war nach einer Weile ganz schön außer Puste geraten, doch zum Glück hatte er da längst die Häuser hinter sich gelassen und eine große Fläche erreicht, in der ordentlich aufgestellte Steine mit klar abgegrenzten rechteckigen Flächen davor die Wiese übersäten. Manchmal waren es Rechtecke aus Steinplatten, die zu Füßen der aufgestellten Steine auf dem Boden lagen, manchmal waren es Rechtecke, in denen kleine, winterharte Hecken in den Boden gepflanzt waren oder Tannenzweige den Boden bedeckten. Teilweise brannten dort Lichter und denen wollte Edkin nicht zu nahe kommen. Er dachte darüber nach, seine Wurzeln irgendwo zwischen diesen Rechtecken in den Boden zu schlagen, aber dann überlegte er es sich anders. Jemand musste die Lichter angezündet und die Tannenzweige hingelegt haben, das mussten Menschen gewesen sein, und denen wollte Edkin um jeden Preis aus dem Weg gehen.
So suchte er noch ein wenig weiter und fand schließlich, etwas abgelegen und hinter ein paar Bäumen verborgen, ein paar niedrige, kleine Gebäude mit Rasen drum herum. Diese Schuppen deuteten zwar auf Menschen hin, aber Edkin entdeckte auch ein paar kleine Beete, in denen zum Teil noch die Pflanzen wuchsen, denen die fallenden Temperaturen nichts ausmachten. 

Zu Edkins Überraschung waren es ganz normale Pflanzen, mit denen er sich nicht ganz so ohne Weiteres unterhalten konnte. Das war seltsam, schon bei den Millers hatte es außer ihm selbst keine magische Pflanze gegeben. Er war aus einem magischen Kürbissamen gewachsen und hielt es in dieser Nacht mehr denn je für einen Fehler, dass er überhaupt in diesem Ort hier gelandet war.
Wenn er zumindest mehr darüber wissen wollte, wo er war, dann musste er sich darauf besinnen, wie man sich mit normalen Pflanzen unterhielt. Es war ein bisschen schwierig, aber immerhin erfuhr Edkin auf die Art, dass hier keine Pflanzen gezogen wurden, um ausgehöhlt zu werden, und so blieb der magische Kürbis. Mehr als nicht zerschnitzt zu werden, wollte er ja gar nicht. Zumindest hatte er das nicht gewollt, deswegen hatte er eigentlich vorgehabt, seine Sinne für Magie zu bemühen und die nächstbeste Wohnung einer ordentlichen Hexe zu finden, aber jetzt hatte er noch eine Rechnung mit den Menschen offen. Und zuallererst war er müde, also ließ er seine Wurzeln in den nahrhaften Boden sinken und tat zum zweiten Mal in seinem Leben so, als wäre er ein ganz gewöhnlicher Kürbis.

Diese Maskerade blieb für die nächsten Tage Edkins Hauptbeschäftigung, während er nebenbei darüber nachdachte, wie er es den Menschen heimzahlen konnte. Er lernte die Friedhofsgärtner kennen, wie die anderen Pflanzen die Männer und Frauen nannten, die sich unter anderem um die Beete kümmerten. Als sie das erste Mal aufgetaucht waren, hatte Edkin sich fluchtbereit angespannt, doch abgesehen von ein paar verwunderten Kommentaren, wo er denn plötzlich herkäme – eine Frau fragte ihn sogar selbst, sprach ihn wirklich an, statt mit sich selbst zu reden, doch sie war keine Hexe, also hielt er es für besser, nicht zu antworten – nahm niemand weiter Notiz von ihm. So dachte Edkin über seine Rachepläne nach und begann fast, diese Gärtner-Menschen zu mögen, die sich um Pflanzen kümmerten, statt sie zum Spaß zu zerschneiden.
Doch dann schnappte Edkin eine Unterhaltung auf und dann noch eine. Es ging um einen Feiertag der Menschen und darum, dass der Friedhof dann wieder voller Leute wäre. Bei diesen Worten hatte Edkin sich bemühen müssen, nicht aus Versehen eine Frage zu stellen, schließlich erwarteten die Menschen so etwas nicht von einem Kürbis.
Für ihn war nur wichtig, dass er nicht mehr hier sein würde, wenn sich der Ort mit Menschen füllte. Aber wovon sprachen die Gärtner da noch? Offenbar glaubte man, die Fratzen, die man in die Kürbisse geschnitzt hätte, wären irgendwie gruselig. Und deswegen nahm man ganz gewöhnliche Kürbisse und schnitzte Gesichter hinein. Natürlich, kombinierte Edkin, das waren keine magischen Kürbisse gewesen. Aber die Gesichter der magischen Kürbisse, die sie nur dann zeigten, wenn sie wollten, mussten das Vorbild gewesen sein. Hmpf, da hatten die Menschen gerade noch mal Glück gehabt, dass sie sich nicht an magischen Kürbissen vergriffen hatten …
Edkin hörte den Gärtnern weiter zu. Die Kinder zogen von Haus zu Haus für Süßigkeiten? Die Gärtner nannten das Fest „Halloween“ und das war doch, wenn sich Edkin richtig erinnerte, der Ausdruck der Ahnungslosen für Samhain. Das erklärte dieses Ziehen, das Edkin die ganze Zeit verspürte: An Samhain ernteten die Hexen die Kerne der magischen Kürbisse, auf zivilisierte Art: Sie baten in Form eines Zauberspruches darum und die Kürbisse spuckten die Kerne aus. Die Hexen brauchten sie für Zauber, mehr wusste Edkin nicht, mehr hatte der Samen, aus dem er gewachsen war, nicht an Wissen in sich getragen. Aber Edkin wusste ungefähr, was Samhain war. Eine Nacht für Zaubersprüche und offene Tore ins Geisterreich. Und die Ahnungslosen hatten daraus einen Abend für Kinderstreiche und Süßigkeiten gemacht? An dem die Kinder sich gruselig anzogen, um Leute zu erschrecken, und die Häuser passend gruselig dekoriert wurden. Unter anderem mit Kürbisfratzen. Leute erschrecken? Mit Kürbissen? Nun, da konnte er doch mithalten. Er war nicht mehr ganz so böse auf die Menschen, aber eine Lektion hatten sie trotzdem verdient. Langsam nahm eine Idee in Edkins Kopf Gestalt an und er musste aufpassen, dass er nicht seine Tarnung aufgab und über das ganze Kürbisgesicht, das er auch ohne Schnitzmesser sehr wohl besaß, zu grinsen anfing.



Noch in derselben Nacht zog Edkin seine Wurzeln wieder aus der Erde und kehrte den ganzen Weg in den Ort zurück. Dort suchte er sich eine Ecke in einem relativ großen Garten, um sich bis zum nächsten Abend, dem Samhain-Abend, zu verstecken. Für ein paar Stunden sollte das ausreichen. Denn es wurde jetzt früh dunkel und sobald die Sonne unterging, machte Edkin sich schon wieder auf, schob sich auf seiner Ranke um die Häuser herum. Da waren sie auch schon, die ersten Kinder in den seltsamsten Kostümen. Ein kleiner Junge in einem viel zu glänzenden und auch etwas zu großen, flatternden Umhang, der sich rotes Zeug um den Mund verteilt hatte, tappte an der Hand seiner Mutter auf das Haus zu, neben dem Edkin wartete. Beide gingen achtlos an Edkin vorbei, klingelten an der Haustür. Der Kleine forderte von der alten Dame, die ihnen öffnete, Süßes oder drohte mit Saurem und Edkin schob sich langsam näher.
Saures konnten die Menschen haben, das war gar nicht schwer.
Der Kleine, der stolz erzählte, er wäre ein gefährlicher Vampir, bekam eine Handvoll dieser berühmten Süßigkeiten und hüpfte schon wieder die Treppe hinunter, während seine Mutter noch mit der alten Dame sprach. Edkin erstarrte und zeigte sein Kürbisgesicht. Der Kleine legte den Kopf schräg. „Mami, da ist ein Kürbis, der war vorhin noch nicht da!“, rief er über die Schulter.
„Dann hast du ihn nur nicht gesehen, Schatz“, erwiderte seine Mutter.
Mit Neugier im Blick trat der Junge näher. Er betrachtete die Zähne des Kürbisses, die, wie Edkin mittlerweile festgestellt hatte, deutlich spitzer waren als die geschnitzten. Spitz und wunderbar zum Zuschnappen geeignet.
„Mami, der Kürbis hat Zähne!“, rief der kleine Möchtegern-Vampir.
„Natürlich hat er die, es ist Halloween“, antwortete die Mutter.
„Hörst du, natürlich hat er die!“, knurrte Edkin und schoss auf den Jungen zu.
Mit einem schrillen „Mamiiii!“, wich der Junge zurück. Edkin verbiss sich in die Tüte, auf die er es die ganze Zeit abgesehen hatte. Er zerrte daran, während die Mutter des Jungen mit einem erschrockenen Ausruf die Treppe herunter stürmte und ihrem Kind zu Hilfe eilte. Die alte Dame folgte etwas langsamer. Der Junge brüllte Edkin an, die Mutter rief dem Kind etwas zu, Edkin knurrte und dachte gar nicht daran, die Tüte wieder loszulassen.
Ein paar andere Kinder blieben stehen, manche davon noch so klein, dass sie mit ihren Eltern unterwegs waren, die ihren Nachwuchs schützend an sich zogen oder hinter sich schoben.
„Lass doch die Tüte, du bekommst neue Süßigkeiten!“, hörte Edkin die Mutter jetzt sagen.
„Ich will aber nicht!“, protestierte der Junge, doch da hatte Edkin ihm die Tüte auch schon aus der Hand gerissen und machte sich eilig davon.

In seinem Versteck unter dichten Hecken packte Edkin die Tüte mit einem Seitentrieb seiner Ranke und leerte sie aus. Süßigkeiten. So sahen die also aus. Auf dem Friedhof hatten die Gärtner davon gesprochen, dass es an Halloween darum ging, dass Kinder Süßigkeiten einsammelten, also musste Edkin jetzt erst einmal herausfinden, was für ein Zeug das eigentlich war. Die Verpackungen zu öffnen war mit seinen Ranken und Wurzeln gar nicht so einfach, doch schließlich hatte er ein kleines, knallorangenes Oval aus der Folie geschält und steckte es sich in den Mund. Süß und fruchtig war das. Edkin schmatzte leise. Er musste seine Pläne noch einmal überdenken und ein paar kleine Änderungen vornehmen. Die Menschen erschrecken war das eine, immerhin wollten sie gruselige Kürbisse, also sollten sie auch welche haben. Aber wenn er dabei auch noch an ein paar von diesen Süßigkeiten kam … diese Dinger schmeckten lecker, das musste Edkin zugeben. So fügte er seiner Halloween-Mission noch einen Punkt hinzu: Er würde seinen ganz eigenen Süßigkeiten-Sammel-Abend haben. Und er wusste auch schon, wo er jetzt mit der Operation Halloween anfangen würde.

Der Kürbis schlich sich durch die Gärten bis zum Haus der Millers. Vielleicht waren Sam und Lucy, diese kleinen Kürbis-Killer mit ihren Schnitzmessern, noch zu Hause. Edkin schob sich die erste Stufe zur Veranda hinauf und tat so, als wäre er ein gewöhnlicher Kürbis. Sogar ganz ohne Gesicht, seine persönliche Verkleidung. Hoffentlich musste er nicht so lange warten, denn während er da so saß, konnte er nicht anders, als die geschnitzten Gesichter der anderen Kürbisse zu betrachten. Auch wenn das keine magischen Kürbisse waren, machte ihn der Anblick wütend. Es war so sinnlos …
Da, die Haustür öffnete sich! Die Kinder kamen heraus, Lucy mit einem spitzen Hut auf dem Kopf und Sam in einem schwarzen Kostüm und einem leuchtenden und summenden Stab in der Hand. Zumindest glaubte Edkin, dass es Sam war, denn der Junge trug eine Maske.
Der ganz und gar nicht gewöhnliche Kürbis wartete, bis die beiden die Haustür hinter sich geschlossen hatten und begannen, die Stufen herunter auf ihn zu zu kommen. Dann sprang er los, mit gebleckten spitzen Zähnen und dem lautstärksten Knurren, zu dem er fähig war. Lucy stieß einen spitzen Schrei aus, während Sam so hastig zurückwich, dass er sich fast auf die Treppe gesetzt hätte.
Die Haustür ging wieder auf, eine besorgte Ms Miller fragte ihre Sprösslinge, was los wäre, während Edkin wieder erstarrte und sich tarnte.
„Der Kürbis!“, rief Lucy erschrocken und Sam fügte hinzu: „Er ist auf uns losgegangen.“
Mit in die Hüften gestemmten Händen schaute ihre Mutter die Kinder an. „Ein furchterregender Sith-Lord und eine böse Hexe haben Angst vor einem Kürbis? Das nehme ich euch jetzt aber nicht ab. Ihr habt die Grusel-Kürbisse doch selbst geschnitzt!“
„Aber …“, begann Lucy, während Sam sie in die Seite stieß.
„Schon ok, Mama. Komm, gehen wir.“ Sam zog seine Schwester mit sich, die Mutter schloss die Tür.
Edkin lachte innerlich über die ängstlichen Mienen, mit denen sich die Kinder vorsichtig an ihm vorbei schoben, wartete, bis sie vorbei waren, dann schnappte er nach Sams Umhang und hielt unerbittlich fest. Sam blieb stehen und erschrak, als er den Saum des Umhangs zwischen den Kürbiszähnen verschwinden sah. Er zog und zerrte, stemmte schließlich den Fuß gegen den Kürbis – und Edkin ließ den Umhang los und schnappte blitzschnell nach Sams Hosenbein. 


„Hilf mir, Lucy!“, rief Sam, doch seine Schwester rannte lieber wieder zur Haustür und hämmerte dagegen, als wäre der Teufel hinter ihr her. Die Tür ging auf, Lucy zeigte panisch auf den Kürbis – der Sam schon losgelassen und wieder die Gestalt eines gewöhnlichen Kürbisses angenommen hatte. Edkin musste aufpassen, dass er nicht zu grinsen anfing, als das Mädchen behauptete, der Kürbis wolle sie ganz bestimmt fressen.
„Ich gehe nicht mehr raus!“, beschwerte sich Lucy am Ende und stapfte ins Haus.
Ms Miller stieg entschlossen die Stufen herunter. „Sam, was soll das?“, verlangte sie zu wissen.
„Der Kürbis da“, erwiderte Sam unsicher.
Ms Miller wandte sich Edkin zu. „Der Kürbis? Sam, das ist einfach nur ein ganz normaler Kürbis.“ Sie beugte sich zu Edkin herunter. „Schau mal, er hat nicht mal …“ Sie streckte die Hand aus.
Edkin zeigte sein wahres Gesicht, schnappte mit einem breiten Grinsen zum Schein nach der Hand und rief: „Happy Halloween!“
Ms Miller sprang mit einem erschrockenen Ausruf zurück. Dann griff sie nach dem Arm ihres Sohnes und zerrte ihn die Treppenstufen hoch. „Komm, Sam, darum muss sich dein Vater kümmern. Wir gehen rein, das ist ja gefährlich …“
Die Haustür fiel zu und Edkin grinste.

Langsam begann diese Sache, ihm richtig Spaß zu machen. Er zog weiter, erschreckte hier und da jemanden. Ein Mädchen ließ vor Schreck die Tüte mit Süßigkeiten fallen, ohne dass Edkin sie erst aus seiner Hand ziehen musste,  und der magische Kürbis machte einen Umweg, um seine Beute in sein Versteck zu schleifen.
„Guck mal, der Kürbis hat auch eine Tüte dabei!“, hörte er plötzlich eine helle Kinderstimme rufen. Mist, er war entdeckt. Edkin erstarrte auf dem Bürgersteig und beobachtete misstrauisch den kleinen Jungen, der neugierig auf ihn zu kam.
„Die Tüte liegt neben dem Kürbis, Jordan“, erwiderte der Vater geduldig.
Der Kleine kam noch näher und streckte eine Hand nach der Tüte aus. „Papa, da sind ganz viele Bonbons –“
„Pfoten weg!“, knurrte Edkin und schlug mit einer Ranke nach den neugierigen Fingern. Nicht seine Süßigkeiten!
Der kleine Junge setzte sich mit weit aufgerissenen Augen auf den Hosenboden und Edkin schnappte seine Tüte und schob sich davon, so schnell er konnte. Er hörte noch, wie der Vater den Kleinen fragte, ob alles in Ordnung wäre, dann war er außer Hörweite.

Edkin nahm sich die Zeit, noch ein paar seiner frisch verteidigten Bonbons zu essen, von denen die Kinder, denen er sie geklaut hatte, garantiert noch jede Menge auftreiben würden, dann machte er sich wieder auf den Weg. Er erschreckte ein knutschendes Teenager-Pärchen, das aus seinem Versteck hinter einer Garage stürmte und deswegen entdeckt wurde. Ein paar Häuser weiter fiel sein Blick auf eine Gruppe von kichernden Mädchen in glitzernden Kostümen mit Flügeln, die so lächerlich aussahen, dass Edkin zu kichern anfing, während er in einem Vorgarten neben einem Gespenst aus Plastik saß.
Eins der Mädchen hörte ihn und drehte sich zu ihm um. „Habt ihr das gehört?“, fragte es seine Begleiterinnen.
„Was denn?“
Die Erste kam neugierig auf das Gespenst zu. „Ich glaube, das Ding kann kichern.
Die beiden anderen Glitzer-Mädchen folgten ihr, Edkin wartete, bis sie alle drei nahe genug waren, und schoss dann auf sie zu. „Süßes oder Saures!“, rief er fröhlich und musste aufpassen, dass er vor Lachen nicht zur Seite kugelte, als die Mädchen kreischend davonstoben. Edkin musste niesen, als ihm ein wenig Glitzer in die Nase geriet. Furchtbar nerviges Zeug.
Er zog weiter, blieb jedoch an einer Ecke stehen, weil er das Wort „Kürbis“ aufschnappte. Zwei Männer in den gleichen blauen Kostümen sprachen mit einer Frau darüber, dass ihnen ein aggressiver, vielleicht tollwütiger Kürbis gemeldet worden wäre und sie sich nach dem dritten Anruf entschlossen hätten, zumindest mal nachzusehen. Edkins Blick fiel auf die Gürtel dieser blauen Leute. Langsam dämmerte ihm, dass sie keine Kostüme trugen. Das waren Polizisten und gegen deren Kugeln konnte Edkin nichts ausrichten. Die würden ihn viel schneller viel übler zurichten, als Schnitzmesser das konnten.
Er seufzte und beschloss, sich in sein Versteck zurückzuziehen. Dort sammelte er seine Süßigkeiten ein und machte sich ins Unterholz davon. Er sollte sich ohnehin auf die Suche nach einer richtigen Hexe machen, die seine Kerne gebrauchen konnte.
Also kroch er los und machte hin und wieder eine Pause, um ein paar Bonbons zu essen. Sein Sinn für Magie funktionierte in dieser Nacht besonders gut und führte ihn kurz vor Sonnenaufgang zu einem Haus am Rand eines Nachbarortes. Ja, hier war er richtig. Drei flache Stufen bis zur Veranda, dann klopfte er so fest an die Tür, wie er konnte. Erst dachte er, die Bewohner würden ihn nicht hören, doch dann wurde die Tür doch geöffnet. Eine junge Frau stand vor ihm, in einem zu großen Shirt und kurzen Hosen. Sie schaute erst über Edkin hinweg, dann zu ihm herunter.
„Guten Morgen“, wünschte der Kürbis.
Eine Katze erschien hinter der jungen Frau. „Ein Kürbis? Bisschen spät dran, hmm?“, fragte die Katze, während die Frau erst „Morgen“ murmelte und dann über die Schulter rief: „Chrissie, hier ist noch so ein quasselnder Kürbis!“
Edkin lächelte. Ja, hier war er definitiv richtig.

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