Sonntag, 12. März 2017

Making-of "Alice - Follow the White ..." Teil 1: Der NaNo 2016 vs. Alice

Gute Vorsätze sind schnell gefasst und dann meistens schwer zu halten. Für NaNo-Vorsätze ist das nicht anders. Im NaNo 2016 hatte ich eigentlich ganz bestimmte Pläne, ich wollte in diesem November 2016 eine Wintergeschichte schreiben, mal was ganz anderes als sonst. Zugegeben, ich habe den NaNo beschummelt und hatte schon länger einen Plot fertig, aber das fand ich vertretbar. 

Tja, und dann kam ein weißes Kaninchen dazwischen. Besser gesagt kam zuerst einmal die Frankfurter Buchmesse dazwischen, auf der ich absolut nicht geahnt habe, dass ich demnächst im Schreibrausch einer Geschichte sein würde, von der ich selbst während der Messe noch gar nichts wusste. Wie das bei Ideen meistens so ist, begann alles völlig unaufällig mit einer Unterhaltung am Stand des Papierverzierer Verlags über die in diesem Jahr beliebten Cosplays. Reihenweise Elsa aus „Frozen“. Ich habe den Film zwar immer noch nicht gesehen, aber das war auch absolut nicht wichtig, wichtig war nur, dass nach der dritten oder vierten Elsa der Ausdruck „Zombie-Icequeen“ fiel und dann folgte der Satz, der in meinem Kopf ein phänomenales Eigenleben entwickelte: „Ich habe meine Schwester gegessen.“

Da stand ich nun auf der Buchmesse und dachte plötzlich darüber nach, wieso denn die Elsa die Anna gegessen hat, ohne Elsa oder Anna überhaupt zu kennen. Und wie das eben so ist, wenn einem Informationen fehlen, spekuliert man sich was zurecht. Autoren haben ja ohnehin jede Menge Fantasie :-). Dabei hatte ich überhaupt nicht vor, da länger drüber nachzudenken, nach wie vor mag ich nämlich (außer „meinen“) überhaupt keine Zombies. Trotzdem, in meinem Kopf ratterte nach der Buchmesse immer mal wieder ein seltsamer Dialog, ungefähr so: 

Wieso hat denn jetzt die Elsa die Anna gegessen? – Moment, das ist ein Kinderfilm. Viel zu heftig, überhaupt an so was zu denken. – Aber wieso könnte denn jetzt so eine Untote ihre Schwester essen? – Hast du schon vergessen, dass du überhaupt keine Zombies magst? – Ich mag keine Zombies, stimmt. – Und außerdem kennst du die Tante gar nicht und zu Recherchezwecken Kinderfilme gucken ist nicht. – Aber wie könnte es denn dazu kommen, dass eine untote Eiskönigin …

Und so weiter. 

Der Gedanke hat irgendwo eingehakt und dann auf einmal lief das von selbst:
 Vielleicht hat meine Eiskönigin ja nicht ihre richtige Schwester gegessen, sondern nur eine Art Schwester. Mmm, Waisenhaus? Ersatzgeschwister? Und die Schneekönigin aus dem Märchen geht nicht, das ist zu wenig selbst erfunden und doch noch zu viel Kinderfilm, also wie geht das mit der Eiskönigin und wieso ist sie untot? Wenn das jetzt so wäre wie bei X-Men und sie kann Eis kontrollieren … Und lebt mit anderen Leuten mit solchen Fähigkeiten in einem Internat …

Damit hatte ich es dann auf einmal. Internat, Mutanten, eine davon stirbt am Anfang und steht wieder aus dem Grab auf und – es fehlt noch was. Also habe ich mir Notizbuch und Stift geschnappt und mir gedacht, dass es eine „völlig egal“-Geschichte wird, nach dem Motto, man kann sich den Spaß ja mal gönnen und sehen, wie weit man kommt. Eine völlig abgedrehte Mischung mit Untoten, X-Men-Anleihen, Märchenelementen, ein bisschen Sucker Punch und … Alice. Alice? Ich glaube, ich habe das sogar laut gesagt, woraufhin mein Mann mich mal kurz fragend angeschaut hat. Aber wenn ich Notizbücher in der Hand habe, ist er so was mittlerweile gewöhnt. Auf einmal war es jedenfalls völlig logisch, dass die ganze Geschichte durch den Kaninchenbau muss. Das kommt (zum Glück!) davon, wenn man mit einer anderen Autorin über eine ganz andere Geschichte redet, die eben Alice-Anspielungen enthält :-)

Da saß ich nun also mit meiner Eis-Königin, Alice und meinen Zombies, die keine typischen Zombies sein sollten. Aber trotzdem untot. Na gut, wenn die Idee so hartnäckig ist, kann man ihr ja mal ein wenig nachgehen. Eigentlich habe ich damit gerechnet, dass es vielleicht eine Seite im Notizbuch wird und der Spaß dann vorbei ist. Und dann habe ich mich praktisch selbst ausgetrickst. Moderne Technik ist ja was Feines, da kann man auch super das Notizbuch abfotografieren und das Bild dann auch verschicken. 

Bis zu diesem Punkt war ich immer noch der Meinung, dass „Alice“ einfach nur eine Sache wird, die spaßeshalber nebenbei läuft. Ein paar Minuten und eine Antwort auf das verschickte Bild später dachte ich darüber nach, ob ich die Geschichte wirklich bis Ende November fertig haben könnte. Und hielt die ganze Idee für vollkommenen Irrsinn. Aber immerhin, es ging ja auch um Alice, also wieso dann kein vollkommener Irrsinn? Wo kommt man damit bitte durch, außer im Wunderland? Außerdem hatte ich mich auf der Buchmesse noch darüber unterhalten, dass manchmal die Geschichten die besten sind, bei denen man gar keine Zeit mehr hat, groß drüber nachzudenken, sondern sie so schnell wie möglich runterschreiben muss. 

Also schön, den Versuch war es wert. Es war ja ohnehin fast NaNo, also habe ich in dem Moment mein eigentliches NaNo-Projekt in die Schublade gepackt und beschlossen, 50.000 Wörter könnten ja gehen, wäre ja überschaubar. Damit war der eigentliche NaNo-Vorsatz also vom Schreibtisch.
Stattdessen gab es den neuen NaNo-Plan und in dem Moment habe ich zum zweiten Mal geschummelt, weil ich die ersten Sätze schon am 24.10. geschrieben habe. Zum Glück, denn als diese Geschichte erst mal tatsächlich durch den Kaninchenbau war, hatte sie plötzlich ein Tempo drauf wie das weiße Kaninchen himself von wegen „Wir haben doch keine Zeit“. In dem Fall war das ja sogar richtig und „keine Zeit“ stimmte gleich doppelt, weil ich ausgerechnet in diesem November mehr auf der To-Do-Liste hatte als sonst und bei ungefähr der Hälfte der Dinge gar nicht so genau wusste, woher die so plötzlich gekommen sind, aber verflixt noch mal, fertig werden mussten sie ja trotzdem. 

Glücklicherweise tat mir „Projekt Alice“ den Gefallen und hat sich praktisch von selbst geschrieben. Ich habe zwar wirklich, wirklich versucht, die Schreibzeit jeden Tag zu begrenzen, es war ja eben noch genug anderes Zeug zu tun, aber über das NaNo-Pensum von 1.667 Wörtern pro Tag sind meine Figuren meistens rausgeschossen, zum Glück. Bei 40.000 Wörtern war dann klar, dass es mit 50.000 nicht getan sein würde und ich dachte, es werden vielleicht noch 60.000. Als ich die 50.000 geknackt hatte, dachte ich, es könnte bei maximal etwas unter 80.000 Wörtern Schluss sein und irgendwann, so bei um die 70.000, dachte ich mir dann: Sch*** drauf, wird Projekt Alice eben so lang, wie es eben wird.
Mehr Wörter hieß natürlich auch, dass ich die alle irgendwann schreiben musste und an manchen Tagen war es zeitlich schlechter und an anderen eben besser. Besser hieß in dem Fall auch mal mehr als 10.000 Wörter am Tag, aber frag mich bitte keiner, wie ich das gemacht habe. Erstaunlicherweise war danach nämlich noch viel vom Tag übrig. Sechs unmögliche Dinge vorm Frühstück oder so ähnlich. 

Klingt bisher so, als wäre die Reise durch mein Wunderland recht problemlos verlaufen, oder? Wieso die Geschichte mir kurz vor Schluss doch noch einen riesen Schreck eingejagt hat, das gibt es dann in Teil 2 zu lesen

Kommentare:

  1. Genial, wie schnell diese Geschichte fertig wurde! Erstaunlich!
    Und dann liest sie sich so erfrischend und "Wunderland-mäßig".
    Ich bin begeistert! :)
    Da fragt man sich allerdings auch, warum manch einer mehrere Jahre an einem
    (am Ende manchmal weniger guten) Roman schreibt. ;)
    Danke, dass du das mit uns teilst.
    Und danke dem Papierverzierer Verlag, der dich ja irgendwie drauf gebracht hat. :-D

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    1. Danke für die Komplimente!
      Beim Schreiben ist es manchmal so, wenn die Idee einen praktisch überrennt, kann das auch mal ganz schnell gehen. Das ist aber ein eher seltenes Phänomen :-).

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  2. Klasse "Blick hinter die Kulissen"...grins...
    und dann auch noch kurzweilig und amüsant geschrieben...
    Kann mir die Gedankengänge bei der Entstehung mit dem Schlüsselsatz "Ich habe meine Schwester gegessen" leibhaftig und lebhaftig vorstellen..lach...

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